Jinx (CD & LP, Staubgold 77, 2007)
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- Palimpsest
- Jinx
- Live At The Cactus Tree Motel
- Gammler, Zen & Hohe Berge
- Both Eyes Tight Shut
- Jinx (Version)
- Nest
- Subnarkotisch
Produced by Thomas Weber, Heike Aumüller & Tobias Levin
Published by Edition Staubgold / Freibank
Mastering: Willem Makkee
Cover Photography: Heike Aumüller
Layout: Kerstin Nothmann
Palimpsest Heike Aumüller: harmonium, percussion & synthesizer; Johannes Frisch: double bass, kalimba & percussion; Martin Siewert: guitar & lap steel; Thomas Weber: ebow, guitar, percussion & wurlitzer; Heike Wendelin: viola
Jinx Heike Aumüller: harmonium, mouth & percussion; Johannes Frisch: double bass, Jew's harp & percussion; Thomas Weber: e-bow, guitar, percussion & synthesizer
Live At The Cactus Tree Motel Heike Aumüller: harmonium & synthesizer; Dietrich Foth: alt- & soprano saxophone; Johannes Frisch: double bass; Christopher Brunner: drums; Martin Siewert: mandocello & pedal steel guitar; Thomas Weber: guitar & piano
Gammler, Zen & Hohe Berge Heike Aumüller: synthesizer; Johannes Frisch: double bass; Thomas Weber: Buddha machine & percussion
Both Eyes Tight Shut Heike Aumüller: electric harmonium, mouth & synthesizer; Johannes Frisch: double bass & kalimba; Martin Siewert: bass guitar & lap steel, Thomas Weber: ebow, rhythm guitars & wurlitzer
Jinx (Version) Heike Aumüller: harmonium & percussion; Johannes Frisch: double bass & percussion; Harald Kimmig: violin; Thomas Weber: guitar & piano
Nest Heike Aumüller: synthesizer; Johannes Frisch: double bass; Thomas Weber: guitar & piano; Heike Wendelin: viola
Subnarkotisch Heike Aumüller: harmonium; Johannes Frisch: double bass; Marco Preitschopf: additional sound processing; Thomas Weber: guitar & sound processing
Die Schauspielerin
(spätester Auftritt)
Sie betritt, die Arme ausgebreitet, erhobenen Hauptes den alles andere als sanften Wind und denkt: Man soll sich ja von Wahnvorstellungen nicht immer gleich verrückt machen lassen. Der Wind hat Fronten, kalte und warme, sie geht dazwischen.
Das sind die Vorhänge ihrer Bühne. Alle Menschen sehen zu. Man filmt sie von oben und unten. Kameras sitzen in künstlichen Erdtrabanten und im kurzgeschnittenen Gras. Der Ton fehlt; das macht der Schauspielerin aber nichts aus. Sie hört genug: Im Kopf spricht jedes Wort zu ihr, das im Skript steht. Das ist besser, als irres Stimmenhören wäre - zu den vielen Vorzügen dieses Dramas gehört allerdings, daß es ihr manchmal Angst macht mit der überzeugenden, dicht an die Oberfläche der Verse herangeholten Abbildung von schizoaffektiven Zuständen, zerfallendem und regressivem Ich und Du, raschem Wechsel von apathischer Hoffnungslosigkeit zu euphorischer Raserei, hölderlinesken Ellipsen, Wutanfällen, Manie, Paranoia – die Kritikerin, die ihr von allen auf der Welt die liebste ist, hat geschrieben, das Stück sei neben der Lucia-Joyce-Biographie von Carol Loeb Shloss das beim Beschreiben exakteste und beim Urteilen zurückhaltendste Werk über Irrsinn in den letzten zehn Jahren.
So wichtig wie der Text, wie Zeilenzahl, Konkordanz, Register, Lesartenverzeichnis, Fußnotenapparat und Palimpsest ist der Schauspielerin die Musik, die alle Menschen hören, während sie zusehen. Es kommen da keine langen Walgesänge auf, das Summrollen, das die Arme und Beine des musizierenden Trios erzeugen, macht jedes Fiepen zunichte, das sich mit Ozeanischem aufspielt. Komische Aufführungspraxis: Applaus gibt es keinen, nur ein Flüstern wie mitten in der Grünen Hölle. Der alles andere als sanfte Wind bauscht den weiten Mantel der Schauspielerin; sie hat, um nicht davongeweht zu werden, zwei Bücher in den Manteltaschen: Erstens die ausgewählten Texte Robespierres mit einer schön verlogen liberalen Einleitung von Carlo Schmid und zweitens ein mit schauderhaften Kinderbuchzeichnungen illustriertes Bändchen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, verkündet von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948.
Im Vollbesitz der Würde deklamiert die Schauspielerin: „Wenn man erst mal tot ist, ist es zum Sterben auch zu spät.“ Der Satz soll einen Engel imitieren, der haute-contre singt; er ist schwach tanzbar fürs richtige Tanzpaar. Eine harmonica de bois, weiß die Schauspielerin, schüttelt an dieser Stelle im Soundtrack schwere Klopftropfen aus dem Mollmanual, und die Streichersaiten lassen sich so lange streichen, bis sie sprechen (ich kannte, denkt die Schauspielerin, beide Augen fest geschlossen, einen Gitarristen, dessen Instrument konnte das Wort „Schweinfurt“ sagen).
Sie zupft an ihrem Mantel, der sich vor ihr her in sich selbst verheddert, impazientemente, es hat dies alles jetzt eine gewisse Eile, denn in sieben bis dreizehn Minuten Musik, weiß sie, paßt möglicherweise schon die vollständige Entwarnung: Keine Angst, Sachzwänge gibt es fast überhaupt nicht, die sind nur Ausreden.
Das Trio hat ihr bei den Sessions beigebracht: Schwebenlassen heißt nicht Wartenmüssen, sondern Angreifenkönnen. Man nennt diese Lektion, praktisch angewandt, „imbroglio“. Richtig genutzt ist Rhythmus nur ein trockeneres Wort für Melodie. Jetzt spielt sie, merkt sie, nicht mehr im Freien, sondern auf den Bahnen der stehenden Welle aus Harmonium, Baß und klarem Flirren.
„Der Teufel hat sich eine Quietschzerrung geholt“, schimpft sie vor lauter dunkelblauen Vögeln, die sich über Stürme unterhalten. Tote Federn hebt sie dann vom Boden auf, fährt sich damit übers Gesicht, das kommt als Schauder intramuskulär und subnarkotisch in ihr an. Sie ist in der musikalischen Seite ihrer Rolle zugegen wie sie heute morgen im Kostümfundus anwesend war. Überall Obertöne, Unterhemden; ein buntes Magnetband hat sie sich vorsorglich um den flachen Bauch gewickelt. Wer holt mich weg, wenn die Vorstellung aus ist, die Karawane der Bläser?
„Oder gleich die Gottheit“, sagt sie, und nimmt deren Gravitas an, so daß sich buschige Tutti vor ihr zu Boden werfen im leiseren Nachhall - was war das? Gerade ging ein schüchterner Bossa seitwärts aus der Hauswand und als Schriftzug in die Litfaßsäule. Fremde Funkiness darf daddeln, was sie mit dem Hintern denkt. Endlich kommt die Schauspielerin vor einem schwarzen Fenster zu stehen, das den Blick auf eine unterirdische Baustelle gestattet. Darin findet sie noch mehr Baß, dieser hier ist ein Kettenfahrzeug.
Sie verbeugt sich vor sich selbst, weil das schwarze Fenster ihre Gestalt so gut spiegelt, und hinter ihr geht einer vorbei, der die Übertragung der Aufführung auf dem Handyschirm verfolgt. So hört sie endlich doch noch ihren Soundtrack mit – vom Xylophon lernen, gesteht sie sich ein, heißt sprechen lernen, und drüben im Klavier ist Puppensitzung (man berät den Abschlußball des Systems der Dinge).
Die Schauspielerin, nicht mehr ganz bei der Sache, gedenkt des toten Zenmeisters Robert Anton Wilson, während sie ein paar Suren aus der Ziehharmonielehre rezitiert und auf der müder werdenden Zunge einen Rest der fast vergessenen Jahre von Reis und Salz schmeckt. „Feldspat“, sagt sie beiseite, „aus dem Rockmusikgebirge“, aber der Rest ihrer Worte geht langsam in gemurmelte Erläuterungen zum nicht nachprüfbaren Wissen kleinster silberner Gliedertiere über, während die Szenerie verdunkelt wird.
Die qualifizierte Heysagerin von der Regie hält dem Publikum, das auf die graugewordenen Schirme schaut, noch einiges Nötige aus dem Off vor, recht gut bei Stimme: Ho, hey, Gespensterschlotterabdankung.
Die Kritik macht sich bereits ans Schreiben; man hat vor allem bemerkt, daß die Schauspielerin mit ihren Gesten darauf hinzuweisen nicht umhinkam, daß in der Begleitmusik die Frau eher pünktchenhaft gesungen und manchmal geknarrt habe, während der beigeordnete Mann überwiegend pelzig gewesen sei. Man hat nicht alles verstanden; heute bevorzugen die meisten ja Flughafensinfonik auf einer Art Grundierung von weit abgelegenem Triebwerksbrüllen vor verrutschtem Schummerknautsch.
Die Schauspielerin ist schwimmen gegangen. An der Mündung ihres Stroms, wo die Fernsehumschaltwackelkontaktstörgeräusche nisten, lappt rotgoldner Cellosirup über eine Landzunge. Die Schauspielerin hat ein Geheimnis; aus ihr wird Leuchten kommen. Schon brennt der Wasserstoff.
Dietmar Dath
Der Hörer gewinnt auf »Jinx«, dem neuen Album des Trios, den Eindruck einer Gesamtheit, die endgültig neu ist. Farbenfroh und organisch wirkt das Album der Karlsruher. Es hat jeglichen Ansatz von »Art«, im Sinne von »erkünstelt», verloren und ist, variantenreich instrumentiert, wieder mit zahlreichen Einflüssen spielend und durch das Mitwirken zahlreicher Gäste, wie etwa Martin Siewert, ein aus einer Stimmung heraus gespieltes Ganzes geworden. Wo Robert Wyatt nie Art-Rocker im landläufigen Sinne war und auch nie Jazz gemacht hat, und doch alle Elemente dieser Stile in seiner Musik als das Seine auffing, um seine wunderbare »Wyatt-Musik« zu schaffen, hat das Kammerflimmer Kollektief nun die seine, die »Kammerflimmer-Musik«, gefunden. Einige Momente auf »Jinx«, insbesondere die mit »mouth«, könnten direkt dem Wyatt-Album »Rock Bottom« entsprungen sein: Es ist kein Zufall, dass die Vocals von Heike Aumüller in den Credits der Platte, etwa in »Both Eyes Tight Shut«, so benannt wurden wie schon damals bei Wyatt. Wo früher Kürzel standen, kleine Ideen und oben erwähnte Rohheit, instrumentieren Thomas Weber, Johannes Frisch und Heike Aumüller heute zu Ende. Mit Cale’scher Violine, Saxophon, Pedal und Lap-Steel-Gitarren, getragen von Samples, Elektronik und Harmonium, kommentiert von einem in diesem musikalischen Genre an Gewandtheit und melodischer Prägnanz seinesgleichen suchenden akustischen Bass, wird das sechste Album des Kammerflimmer Kollektiefs zu einem weiteren Glanzstück im Katalog des avancierten Labels Staubgold und seines Betreibers Markus Detmer.
Christof Kurzmann, Spex
Jinx is one of Kammerflimmer Kollektief's finest and most intimate releases yet. ****
François Couture, Allmusic
Das Kammerflimmer Kollektief aus Karlsruhe hat mit Jinx das dritte grandiose Album in Folge abgeliefert. Die Gruppe um den Multiinstrumentalisten Thomas Weber feilt an einer ureigenen Klangsprache, in der Echos der Musikgeschichte nur in homöpathischer Dosierung durchscheinen: die schwebende Soundmagie der Lieder von Robert Wyatt, die melodischen Finessen freier Improvisationen, die offenen Stimmungen von Joni Mitchell's Meilenstein Hejira. Virtuos und federleicht zugleich changiert die Musik zwischen Elektronik, Jazz und freier Folklore.
Michael Engelbrecht, Deutschlandfunk
Das Album entzieht sich aller möglichen Kategorisierungen und zeigt eine 'Band', die zu einer vollkommen eigenen Stimme gefunden hat. (...) Sie spielen es nocheinmal, das alte Lied von künstlerischer Neuerfindung. Absolut idiosynkratisches Meisterwerk! Play it again, Karlsruhe.
Ralf bei der Kellen, Jazzthetik
Jinx finds the group again maximizing their strengths, writing songs full of strange shadows and shrieks. I've been working a theory lately that the best part of a mystery novel is the two pages before the killer is revealed. The strands are starting to come together, and you can see where the story might be heading, but there's still enough murk and shadow to obscure the big revelation. With rare exceptions, the tease is better than the payoff (...). It's also why I can't get enough Bela Tarr - everything is so terrifically unexplained. That's what these songs are like - sound rises up from nowhere and disappears, the melodies are unfinished and in minor keys. It's a strange fusion of smoky, Lynchian jazz, odd ambient music and eerie, disembodied voices. There's ringing bells, creaking floorboards, sobbing violins. It's like an eternal funeral - long sustained fits of sadness and hopelessness that has no bottom. In the tellingly-named "Both Eyes Tight Shut" a female voice repeats a single mantra over and over, as if trying to console herself or keep the creeping dread from consuming her whole. It's a good place to start if you want to get a handle on the Kammerflimmer aesthetic - it's a field recording from a haunted house, a Civil War wake that goes on and on and on.
J. Edward Keyes, 17dots
Kammerrflimmer Kollektief get around to just doing what I wish a lot of other bands would do: executing the experimentation of these bands into well-crafted songs that are as much about the song as they are the sound. On Jinx the band has also mastered the ability to draw a whole spate of influences into a coherent sound. So while that loping, ungainly freedom of freak-folk is definitely a part of this music, it’s way more refined and palatable than that.
Mark Abraham, Cokemachineglow
Kurze, spitze Drehungen, kleine Gewitter, fundamentale Mini-Experimente. Jinx ist ein großes Album, das die Band wieder von einer anderen Seite zeigt. Und ihr bestes Album ist es obendrein. *****
De:Bug
Epic soundscapes dotted with detailed intricacy.
Tom Ridge, The Wire
Avancierte Meditationen aus Noise, Folk uns Sauerkrautmusik. Ein Album, das ganz ruhig macht, wenn man es besonders laut aufdreht. Diesmal sind ihren Stücken Flügel gewachsen, die Assoziationen weit über den Tagesbetrieb des Pop tragen, ohne andocken zu wollen. - *****
Frank Sawatzki, Musik Express
Wie viele sich scheinbar widersprechende Einflüsse man hier zu einem homogenen Ganzen mit Hilfe eines Grundgerüst aus Bass, Gitarren, Percussion, Harmonium und Synthesizern verarbeitet, ist sehr beachtlich. Dass es nun zu Explosionen der Vielfalt kommt, ist vor allem auf die Arrangements zurückzuführen, die keine Spur von Anstrengung tragen.
Neue Zürcher Zeitung
Immerzu wird der Hörer in den Bann gezogen von einem drone-Sog, der die Musik astral abgehoben schimmern lässt.
Alfred Pranzl, skug
Another dose of brilliance from Germany's uncrowned kings: I hardly know any band with more deeply meditative and moody qualities than Kammerflimmer Kollektief. Jinx is definitely the Kollektief´s strongest effort yet. Their mix of jazz, improvisation, Popol Vuh/Cluster/Amon Düül II influenced Krautrock and electronica has worked well since their debut album Mäander and they have developed from album to album. But Jinx beats everything they´ve done before.
Stephan Bauer, Foxy Digitalis
Jinx demonstriert, dass Bruchstückhaftigkeit und Stringenz nicht in Opposition zueinander stehen müssen. Vielmehr verdichten sich hier die von allen Ecken und Enden zusammengetragenen Bauteile zu einer eigenen Sprache, deren Ausformulierung, Umsetzung und Übermittlung der Gruppe bisher noch nicht so überzeugend gelungen war wie auf diesem Album. In seinem richtigerweise »Ein Glanzstück« betitelten Text meint Christof Kurzmann, dass das Kammerflimmer Kollektief nun die seine, die »Kammerflimmer-Musik«, gefunden habe. Man möchte ihm nicht widersprechen.
Philipp L'heritier, Spex
...erinnert an nordamerikanische Indianergesänge oder Yoko Ono.
Andreas Brüning, Intro
The Kammerflimmer Kollektief makes the future shimmer with sweetness and passion.
Philip Cheah, BigO
Still grounded in peculiar and chimerical rhythms, the disc combines Kollektief's traditional synthetic beats with unexampled organic and rhapsodic harmonies, often in the form of unintelligible, seemingly tribal female vocals ("Jinx" and "Both Eyes Tight Shut" are prime examples). The blending of these rather cross-culture techniques spin the sound into an entirely different direction, hypnotizing the listener into melodious pictorial hallucinations of rainforest walkways sprouting up down the main boulevard. As the jungle bursts through the sidewalk tearing towards the sky, cars and houses are overturned in slow, intentional patterns, as the listener strolls in omnipotent fashion through newfound nature. Whereas a lot of electronica/ambient music tends to assist in creating an atmosphere within established identity, the depth displayed throughout Jinx actually helps transport the listener somewhere else entirely. It's an out of body experience squeezed onto a single compact disc. (...) Jinx is a goldmine for fans of underworld electronica in search of something with a little more life, a little more bite. Scattered with some of the most goose bump inducing passages heard this year, the album still retains its ambient identity and seems to know exactly when to scream and when only to whisper.
Jonathan Brooks, The Silent Ballet