Wildling
(CD, Staubgold 97)
Out on Groundhog Day 02/02/2010
File Under: Psychedelic / Intuitive / Mongrel Music
"Delire goes marchin' in, desire forever."
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Produced by Heike Aumüller & Thomas Weber
Arrangements, Loops & Edits: Thomas Weber
Low End Extemporization: Johannes Frisch
Assembled & recorded at Studio Kinda Cloudy, Karlsruhe, 2007 - 2009
Dummy Head & MS Stereosound Consigliere: Marco Preitschopf
Invaluable Techsupport & Additional Gruppo Recordings: Jürgen Galli
Mastering: CGB, Dubplates & Mastering, Berlin
Heike Aumüller: voice, harmonium, flute & synthesizer
Johannes Frisch: double bass
Thomas Weber: electric guitars, percussion, piano & devices
Christopher Brunner: drums (# 1, 3, 5 & 10) & xylophone (# 3)
Dietrich Foth: saxophone (# 2 & 5)
Photography: Heike Aumüller (Courtesy Meyer Riegger)
Design: Christian Walter
All tunes published by Future World
except: Bird In Hand, written by Lee Perry (Westbury Music Ltd.)
Grazie mille: Margot Weber, Marco Preitschopf, Jürgen Galli, Christopher Brunner, Dietrich Foth, Dietmar Dath, Markus Detmer, Christoph Linder, Michael Engelbrecht, Jan Bang, Wolfgang Meinking, Jochen Seiter, Philippe Petit, Christof Kurzmann
(please scroll for german version)
"Hippie vermin" hisses the bank employee who still thinks of himself as a punk. He’s sitting next to me as we’re watching the Kammerflimmer Kollektief playing. He says it because he doesn’t understand. In fact, he doesn’t understand anything. He sees them play, but he does not listen.
I wonder: Does the word "play" suffice? Maybe the members of the Kammerflimmer Kollektief even perform. I am not sure. The presentation is authentic, but it’s still a presentation. You see people, you hear their souls but no one exposes him/herself mindlessly. No one makes a fool of him/herself.
No one plays the stick-in-the-mud. No one disengages him/herself. Three people who play music.
Heike Aumüller sits on the floor, making music, singing in a type of English which can only be understood by people who listen. Those who look, who want to see music, do not see anything at all. And they feel nothing. Johannes Frisch fondles his double bass like Kate Bush did in her video to "Babooshka". But while Kate Bush didn’t play, Frisch does while simultaneously playing around with it, winding himself around the instrument – 1:0 for the venerably aged jazzer. On the other side sits Thomas Weber, bent over his guitar, occasionally operating the electronics in front of him, while his other hand is being played by the guitar. Again and again, it drags the other hand towards the instrument – it’s as simple as that. The audience has to want to listen and not only see. Those who can see, see the art of Heike Aumüller which graces the cover. What one sees there is vulnerable and strong at the same time. Anyone who has ever watched a Bruce Willis action movie will know the sentence that Willis – suddenly more than just muscles and smiles – utters to the obligatory child (or woman, anyway, something to rescue): "Of course I’m afraid."
What do we learn from this? Those who make themselves vulnerable become strong. The Kammerflimmer Kollektief has made itself strong, had made itself strong even before it merged into a band and then as a band, is grew even stronger. And more vulnerable. Where the music used to be beautiful, it now became powerful and momentous. Dietmar Dath speaks the truth when he suggests that one should listen to the music loud – because thus it gains even more depth.
The Kammerflimmer Kollektief is emotive and impassioned. It is also as lucid and precise as those moods which Robert Musil (who is above suspicion of a being a romanticist) called "daylight mysticism". The lyrics and the music want to be heard, they want to be explored, even suffered. Sound builds songs which are made of sounds, and yet they’ re no longer songs.
"Wildling" is the trio’s strongest and most vulnerable album to date. It is a solipsist, which floats solitary in its own space, somewhere between the orbits of jazz, krautrock, pop and hell.
This space is an earthly heaven, which we are permitted to inhabit – if we only can hear, with our ears as well as our heads.
"Hippiegeschmeiß", zischelt der punkgebliebene Bankangestellte zu meiner Rechten, als er das Kammerflimmer Kollektief spielen sieht. Er sagt dies, weil er nicht versteht. Er versteht leider nichts. Denn er sieht sie spielen, aber er hört nicht.
Reicht das Wort "spielen"? Vielleicht performen die Bandmitglieder ja sogar. Ich bin mir nicht sicher. Die Inszenierung ist authentisch, ist jedoch immer eine Inszenierung. Leute sind zu sehen, Seelen sind zu hören, aber niemand macht sich sinnlos nackig. Niemand macht sich lächerlich. Niemand macht den Trauerklops. Niemand macht sich frei. Drei Leute machen Musik.
Heike Aumüller sitzt auf dem Boden, musizierend, singend, in einem Englisch, das sich nur den Hörenden erschließen kann, denn die Sehenden, die also, die Musik sehen wollen, sehen nichts. Und fühlen nichts. Johannes Frisch steigt in den Standbass, wie es so nur Kate Bush getan hat, doch hat Kate Bush nicht gespielt, Frisch aber spielt und windet sich dabei ums Instrument herum, 1:0 für den in Ehren ergrauten Jazzer. Thomas Weber wiederum sitzt, die Gitarre umgespannt, gekrümmt auch er um sie, und während die eine Hand manchmal die Elektronika bedient, die zugeschaltet wird, lässt sich die andere von der Gitarre spielen und reißt die eine immer wieder mit, so einfach ist das. Man muss nur hören wollen, und nicht nur sehen.
Wer sehen kann, sieht die Kunst von Heike Aumüller auf dem Cover, und was er sieht ist verletzlich und stark zugleich. Jede und jeder, der und die einmal einen Bruce-Willis-Actionfilm gesehen hat, kennt den Satz, den Willis, plötzlich mehr als nur Muskeln und Lächeln, zum obligatorischen Kind sagt (oder zur Frau, in diesen Filmen fast das gleiche, weil: nur zum Retten da): "Klar habe ich Angst."
Wir lernen: wer sich angreifbar macht, wird stark. Das Kammerflimmer Kollektief macht sich stark, hatte sich schon stark gemacht, als das Kollektiv noch keines war, als es sich erst fand, und zur Band verschmolz, wurde als Band stärker. Und angreifbarer. War die Musik schon vorher schön, so wurde die Schönheit nun wuchtig, und Dietmar Dath spricht die Wahrheit, wenn er anrät die Platte laut zu hören – sie hat dann noch mehr Tiefe.
Das Kammerflimmer Kollektief ist gefühlig und pathetisch, aber dabei so klar, wie jene Stimmungen klar sind, die Robert Musil, der der Romantik völlig unverdächtig ist, die "taghelle Mystik" nannte. Die Texte und die Musik wollen gehört werden, ausgespürt, ertastet, durchlitten, der Sound baut Songs, die aus Sound gebaut sind, Songs, die aber keine Lieder mehr sind.
"Wildling" ist die bislang stärkste und verletzlichste Platte dieses Trios, das ein Einziges ist, ein Solipsist, der irgendwo zwischen Jazz, Krautrock, Pop und Hölle allein vor sich hinschwebt, sein eigener Himmel. Ein irdischer Himmel, in dem wir wohnen dürfen. Wenn wir nur hören können, mit unseren Ohren und unserem Kopf.
Jörg Sundermeier
Jungvertraute beim Gerätetesten
von Dietmar Dath
Um in geschlossene Gemüter vorzudringen, braucht man Werkzeug. Diese Seelen, die eine schlechte Gewohnheit versiegelt hat, sagen nicht „Move Right In“ oder wenigstens „Guten Morgen“. Sie sagen überhaupt nicht viel. Da müssen wir, damit sich doch was öffnet, also vielleicht durchsichtiger werden, als wir bisher waren; eventuell sehen die zu Schlitzen verengten Westernheldenaugen der geschlossenen Gemüter anders nicht, daß wir keinen Dolch hinterm Rücken versteckt haben. Hörst Du das? Heike singt englisch (stimmt gar nicht. Englisch singt selber, die Sprache heißt aber Heike). Andere als versiegelte Seelen gibt es nicht mehr; wir werden uns demnach mit den Gerätschaften vertraut machen müssen. Dieser Baß dort hat die nötige Nervenruhe, geht auf den leicht zu lesenden Spuren eines Igels von einer Note zur anderen und zurück; der ganze Weg passiert im Schatten glockiger Heidelbeerblüten. Der Wildlingswald wächst aus Bauten, die Gebäude aber fallen, erst noch ganz klein, aus den Büscheln mit den Kornelkirschen.
Übrigens haben wir in den Beton-Halbschalen unterm lila Mädchenmoos einen freundlichen funky Personalkostenzuschuß gefunden, wo soll der hin? Die frechste Frau ist fast fertig, wir müssen nur ein paar fehlende Kleinteile, Schrauben und Spinte ersetzen sowie die Elektrik vollständig austauschen. Auf der Wiese wollten wir angeblich eines Tages zusammen im Licht sitzen; das war auch wieder nicht wahr, hätte aber Spaß gemacht. Ein Stück mit Namen „In Transition“ ist von Hand bedienbar; etwas, das früher Schlagzeug hieß, kann neuerdings tropfen. Vorne hat es einen Schnabel, der in der Wellenaufschlagszone nach winzigsten Geschichten schnäbelt. Wie kommt der Vogel in die Hand? Wie kommt das Seepferdchen an Land? Weshalb sind Menschen interessant? Aus welchem Stoff ist Zeit, aus Sand? Bis Du immer noch andauernd ein bißchen Fabrik? Eine Belegschaft ohne Harmonium ist wie ein Streik ohne Geduld. Im Zuge der Vereinfachung kann das Xylophon im Eichfeld „Rotwelsch“ (benannt nach der ukrainischen Schauspielerinnenlegende Raquel Rotwelsch) auf extrakurze Intervalle gezogen werden; der Spannhebel regelt das unterderhand mit dem Schlagbolzen und will mit dem gesenkten Hahn kaum mehr zu tun haben als der Signalstift mit den Patronen, von welchen er lediglich anzeigt, ob sie sich noch im Patronenlager befinden oder nicht. Wer hat die Sense ans Keyboard gelehnt? Siehe, es war der große Mann, der sich für Eisen, Schmelz und Hammerwerk zuständig fühlt. Er ist, Verzeihung, vorhin auf dem lockeren Nichtstottern, das die Sängerin aus ihrer Zunge gestohlen hat, ausgerutscht und zu salzigen Kringeln geworden. Nebenbei bemerkt wäre ich froh gewesen, wenn Du mich wenigstens mal angerufen hättest! Ich weiß schon, wir haben Angst. Es kommt aber auf die Mündungsgeschwindigkeit der Singprojektile an, nicht auf die Panzerung des Herzens, ob jemand bei so einer Sache Schaden nimmt. Je weniger dick das Herz gepanzert ist, desto weniger Übles kann ihm passieren, das ist das Paradox (es heißt Versöhnung). „Blind“ nennt man den Weg nach drüben; die Grundtonart hat zwei Tanks, die sich separat befüllen lassen.
Johannes schabt am Dreiganggetriebe die mehrfaltige Baßkratzerei zurecht, suggeriert wird hiervon knarrende Takelage, da sticht sein Schiff in Sonnenschaum statt See. „Cry Tuff“, auf Gabelfedern vorgezogen, geht am Ende nicht unter, wer das glaubt, sitzt einem Hörfehler auf (die Stimme des Bauchfells, leicht haarig, wird Pastellkreide und macht beim Zerbröseln eine Malspur, die vielleicht so klingt, als ginge „Cry Tuff“ am Ende unter, aber ich wiederhole: Es ist ein Ohrenirrtum).
Wie nennt man, fragt Thomas und bläst dazu die Gitarre, als wäre sie der Bartkamm Buddhas, eine Musik, die man unbedingt laut hören muß? Die nennt man natürlich: laute Musik. Der Name hilft, weil durch ihn diejenigen augenblicklich überführt und beschämt sind, die solche Musik leise hören (von denen kann man dann nämlich sagen: „Glaubst du das, die hören sogar laute Musik leise. Wie schrecklich!“). Wir sind einander nähergekommen über diese vorsichtige Folge von Farben, man kann uns jetzt (aber eben erst seit Kurzem) Vertraute nennen. Brennt da doch tatsächlich eins von den ausgeglühten Kindern mitten im schwarzen Feuer, und was weiß die kommentierende Leserdummheit? „Soll mal nicht so viel brennen, das Ding“. Ja, da kann ich dann halt auch nichts mehr machen. Wer soviel Beta-Carotin in den Füßen hat, der muß eben gelbrot nachhause laufen. Wir helfen schließlich nicht jedem; uns aber hilft Johann Wolfgang von Forsbäck, sein Mitsingen darf alles, weil es das meiste davon gerne mag.
Wir fassen zusammen. Schlips, Schlitz, Straß, Stock, Pasta, Pilzmaus und der Ursprung des Lebens in einer Plastikschere, die man mit Draht umwickelt hat, damit sie nicht wegläuft: Dies also sind, überschaubar versammelt, die Dinge, mit denen wir Zutritt zu den abgedichteten Seelen gewinnen können. Wir lassen es aber bleiben, in sie vorzudringen, Du und ich. Wir knacken die geschlossenen Gemüter nicht, wir bleiben draußen, wir lassen uns nicht in diese enge Leere locken. Das Werkzeug, nämlich, läßt sich nicht nur dazu gebrauchen, jene Siegel zu zerbrechen.
Wir können auch damit spielen.
"Morning Maniac Music"
Dr. Jennifer Melfi
"Was ist das? ‚Laute Musik‘, wie Dietmar Dath befiehlt? Musik, um taube Nüsse zu knacken (oder besser doch nicht)? Musik, die nicht zu mögen, einen zum Lahmling oder eingedosten Expunk stempelt, die man aber auch falsch mögen kann als falscher Hippie? Es ist nämlich eine ‚taghelle Mystik‘, die einem hier heimleuchtet. Das soll zumindest Musil - oder ein Muselman? - gemurmelt haben. Es ist jedenfalls Musik, die sich hinter Linernotes abspielt, die Dath sich von Nietzsches Dämon diktieren ließ: Wie, wenn Du das grösste Schwergewicht unter den Weird Fickschon-Schreibern dieser Galaxie wärst usw. Nun, einer nannte das, was Thomas Weber, Heike Aumüller und Johannes Frisch da spielen, einfach ‚psychedelisch‘. Silberne Akkorde von Gitarre und Harmonium, dazu ein Kontrabass als Charon oder Seelenführer, das gibt dann schon den bei den Karlsruhern gewohnt starken Pilzeffekt, sowohl in der Hauptsache wie in den Nebenwirkungen. Saxophon eher gelegentlich, Schlagzeug wo nötig, elektronischer Flow wie direkt von der Quelle. Sauerkrautsaft macht sexy. Aum-A-Go-Go-müller träufelt einem Schamaninnen-Rotwelsch und Damo-Suzuki-Singsang auf die Zirbeldrüse. Hinter geschlossenen Lidern (‚Blind‘) die Annäherung, der Ansatz von Übergängen (‚In Transition‘). Wohin? Den Gefilden, wo Zeit nicht Sand zwischen den Fingern ist, sondern ‚Wildlingswald‘ oder ein Paradox namens ‚Versöhnung‘. Wer würde Dath da widersprechen wollen? Der ‚Crack in the Cosmic Egg‘ wird gesteigert zu ‚There‘s A Crack In Everything‘, umwölkt mit ‚Cry Tuff‘-Ganja. Und die Dub-Connection wird noch einmal bekräftigt mit Lee Scratch Perrys ‚Bird In Hand‘, eigentlich das hindische ‚Milte Hi Ankhen‘: Milte hi ankhen dil hua deewana kissi ka / Afsana mera ban gaya afsana kissi ka... "
Rigobert Dittmann, Bad Alchemy 65